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Spielräume für Rügen erkunden und nutzen

Ergebnisse eines Projekts zur Erweiterung des Biosphärenreservates Südos-Rügen

12. Dezember 2008

Das Biosphärenreservat Südost-Rügen will wachsen. Diese einfache Ankündigung geht zunächst auf eineForderung der UNESCO zurück, der die Region ihren Status verdankt. Demnach sollte einBiosphärenreservat mindestens 30.000 ha umfassen – jenes in Südost Rügen hat aber nicht einmal23.000.Warum sollen Biosphärenreservate überhaupt eine solche Mindestgröße erreichen? Der Grund liegt imAnspruch: Sie sollen Modellregionen sein, in denen eine historisch bedeutsame Kulturlandschaft nichtnur erhalten, sondern auch wirtschaftlich entwickelt werden kann. Wertschöpfung aber, von derMenschen leben können, spielt sich nicht in ein oder zwei Dörfern ab. Sie kann zwischen Stadt und Land,zwischen einer Region und ihren Touristen, zwischen Landwirten und Verbrauchern, zwischen Fischernund Kunden, zwischen Waldbesitzern und Holzkäufern entstehen. Deshalb sollen Biosphärenreservateeine gewisse Fläche umfassen – und sie sind auf Menschen angewiesen. In Biosphärenreservaten wirdalso nicht nur die Natur geschützt, sondern sie wird auch genutzt. Außerdem sollenBiosphärenreservate auch Bildungsregionen sein, in denen jung und alt Lernen können, wie man zunachhaltigen Lebensformen gelangen kann.Vor die Herausforderung einer Erweiterung gestellt, suchte die Verwaltung des Biosphärenreservateszunächst das Gespräch mit den angrenzenden Gemeinden und lud sie ein, die Vor- und Nachteile einesLebens im Biosphärenreservat für sich zu prüfen. Parallel beauftragte sie das Büro fürLandschaftskommunikation mit einer Studie, an welche konkreten Ziele die Erweiterung gekoppelt seinsollte. Diese Studie sollte transparent unter den Augen der Öffentlichkeit erstellt werden.Im September wurden daraufhin Landwirte, Förster, Fischer, Bürgermeister und Naturschützer in diesenGemeinden nach ihren Erwartungen und Sichtweisen befragt. Knüpfen sie Hoffnungen an einBiosphärenreservat? Ist es Ihnen egal? Oder sind sie gegen einen solchen Beitritt?Die Ergebnisse dieser Befragung wurden auf einer Litfaßsäule plakatiert und im Oktober in Garz, Putbus,Binz und Sassnitz zur öffentlichen Diskussion gestellt.Das Ergebnis dieses Prozesses wurde der Biosphärenreservatsverwaltung nun vorgelegt. In knappenThesen lässt sich das Ergebnis folgendermaßen zusammenfassen:

- Die Chancen für eine Erweiterung des Biosphärenreservates sind gegeben. Da gegenwärtig mehrGemeinden ein Interesse bekundet haben als für die Erreichung der Mindestgröße notwendig,können die weiteren Gespräche ohne Druck auf der Basis gegenseitigen Vertrauens gestaltetwerden. Die Mitarbeiter des Biosphärenreservates selbst gehen mit einem offenen Ansatz in dieGespräche mit ihren „Nachbarn“. Der Prozess ist auf zwei bis drei Jahre angelegt. Zusätzliche,naturschutzfachlich bedingt Restriktionen durch einen Beitritt des Biosphärenreservat werdenzwar nicht erwartet, gleichwohl sollten sich die Partner auf gemeinsame Entwicklungszieleverständigen.

- Landnutzer unterscheiden die verschiedenen Schutzgebietsformen des Naturschutzes(Nationalpark, Biosphärenreservat, FFH-Gebiet etc.) kaum. In Anbetracht einesBiosphärenreservates befürchten sie daher vor allem Restriktionen für ihre Arbeit. Hier ist eineVertrauensarbeit durch kontinuierliche Ansprechpartner und die gemeinsame Suche nachLösungen erforderlich.- Kommunalpolitiker sehen in einem Biosphärenreservat größere Chancen für die Entwicklungihrer Gemeinden. Die Vorstellungen, wie eine eigene nachhaltige Siedlungsentwicklung sichgestalten soll, sind bislang schwach ausgeprägt, der Schwerpunkt liegt stärker auf denNaturräumen.

- Die Naturschützer Rügens fordern, das Biosphärenreservat müsse im Zuge seiner Erweiterungan Profil gewinnen.

- Als zentrale inhaltliche Aussage empfiehlt das Büro dem Biosphärenreservat, sich eine regionaleEntwicklungsperspektive für die gesamte Insel Rügen zu erarbeiten. Unabhängig von derAusdehnung des Großschutzgebietes gehören die Fragen der Regionalvermarktung, derEnergie(land)wirtschaft, der Steuerung des Verkehrs und des Tourismus, desRessourcenschutzes, der Inwertsetzung alter Gutsparke, der Installierung vonsozioökonomischen Lernprozessen und der nachhaltigen Siedlungsentwicklung zu denureigensten Aufgaben eines Biosphärenreservates, für die sich unter den spezifischenBedingungen nur im Kontext der ganzen Insel befriedigende Antworten finden lassen.

- Eine zentrale Rolle bei der Zukunft des Biosphärenreservates sollten die Bürgermeister spielen.Als wichtiges Instrument einer dauerhaften Kommunikation zwischenBiosphärenreservatsverwaltung und Kommunalpolitik sollte ein Beirat gebildet werden, der sichaus anerkannten Akteuren der Region zusammensetzt.

- Für die Gemeinden liegen im Bereich der nachhaltigen Siedlungsentwicklung undDaseinsvorsorge erhebliche Spielräume, die bisher nicht erschlossen sind und bei denen dasBiosphärenreservat fachliche Hilfe leisten kann. Die auf diesem Gebiet liegende Zusammenarbeitsollte deshalb entwickelt und vertieft werden.

- In der Biosphärenreservatsverwaltung sollte sich eine Arbeitsgruppe kontinuierlich mitRegionalentwicklungsfragen Rügens beschäftigen und die Institution auch mit einem bestimmtenProfil bei entsprechenden Diskussionen auf der Insel Rügen vertreten.

Insgesamt ist der auf Transparenz und gemeinsame regionale Entwicklung zielende Ansatz derBiosphärenreservatsverwaltung zu begrüßen. Die folgende Phase einer möglichen Erweiterung sollte vonden Bewohnern Rügens als Chance genutzt werden, sich mit ihren Vorstellungen über die Gestaltungihrer Region einzubringen.

Lars Fischer und Kenneth Anders, Büro für Landschaftskommunikation Eberswalde



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