Schnupperkurs in Kräuterkunde
1.7.2010
Giersch hilft gegen Rheuma und wilder Majoran macht Grillhähnchen so richtig lecker. Bei einer Kräuterwanderung auf Rügen können Spaziergänger den Geheimnissen der Natur nachspüren.
Dagegen ist kein Kraut gewachsen!? René Geyer jedenfalls führt dieses alte geflügelte Wort während seiner Wild- und Heilkräuterführungen über das Zickersche Höft auf Rügen ad absurdum. Über kurz oder lang bringt der Bodendenkmalpfleger und Naturschutzwart aus Lancken-Granitz wohl jeden zu der Überzeugung, dass es kaum eine Beschwerde an Leib und Seele gibt, die nicht mit Hilfe der heimischen Flora zumindestens zu lindern wäre. Vom juckenden Mückenstich bis zu Bluthochdruck, von lästigen Hautunreinheiten bis zu Depressionen. Ganz abgesehen davon, dass das während der Führung vermittelte teils uralte und teils neue botanische Wissen zu größeren Gaumenfreuden führen kann. Ein saisonal passendes Beispiel: Grillhäppchen auf getrocknete Stängel des Wilden Majoran statt auf Holzspießchen stecken. Schmeckt viel leckerer. Oder: Teigmasse für Klopse mit jungen gehackten Blättern des Giersch verkneten. Gibt eine besondere Note. Geyer empfiehlt Giersch auch als Naturmittelchen gegen Gicht und Rheuma.
Das Zickersche Höftland am westlichsten Zipfel des 330 Hektar großen Naturschutzgebietes Zicker Berge hat Natur- und Heimatkundler Geyer im Jahr der Artenvielfalt ganz bewusst für seine pflanzenkundlichen Exkursionen ausgewählt. ,,Insbesondere jetzt, im Jahr der Artenvielfalt‘“, unterstreicht er. Mit seinen von Eichen dominierten Laubwäldern über den Kliffs und den großen zusammenhängendenTrockenrasenflächen gilt es als eine der beeindruckendsten so genannten Hutelandschaften des gesamten Küstenraumes. Auf Grund der Niederschlagsarmut, von Nährstoffmangel und durch jahrhundertelange Beweidung sind hier Vegetationsformen von einzigartiger Vielfalt entstanden.
So hatten es in den 1980er-Jahren auch der Rat des Kreises in Bergen und der Bezirkstag Rostock gesehen und die Region unter Naturschutz gestellt. Heutzutage liegen das Kliff in der Kernzone und die restlichen Flächen des Zickerschen Höfts wie die gesamte Halbinsel Groß Zicker in der Pflegezone des insgesamt 235 Quadratkilometer großen Biosphärenreservats Südost-Rügen. Die Landschaft wurde vor 12 000 bis 14 000 Jahren von der Eiszeit zu einer Kette von Hügeln geformt, deren höchster Gipfel, der Bakenberg, immerhin 66 Meter über dem Meeresspiegel liegt, referiert der Naturkundler, um im nächsten Moment zwei Mountainbiker zu stoppen. „Fahrzeuge jeglicher Art sind in diesem Areal verboten“, teilt er ihnen mit. Die Ertappten mimen zuerst Unwissenheit und zeigen dann Reue.
Wenn die Teilnehmer an der geführten Wanderung ihren Rücken beugen, dann vornehmlich, um dieses oder jenes Kräutlein aus nächster Nähe zu betrachten oder seinen Duft zu erkunden. Sabine Welz beispielsweise geht häufig ,,auf Schnupperkurs“. ,,Ich hab‘ mich schon als Kind für Kräuter interessiert“, so die Wahl-Sassnitzerin. Ehemann Helmut Welz als Hobby-Historiker wiederum interessiert sich mehr für die geschichtlichen Hintergründe, auf die Geyer ebenfalls eingeht.
Für Marita Chalinski und ihre Kolleginnen von der Binzer Kita Lütt Matten ist die Wildkräuterführung eine Art Weiterbildung. ,,Man muss den Kindern sagen können, was in ihrer Heimat alles wächst und wozu es gut ist. Auf diese Weise wird die Achtung vor der Natur geweckt“, argumentiert die Erzieherin. Außerdem tue Bewegung in der frischen Luft immer gut.
Die hat man während der Wanderung reichlich. Zwei Stunden gehts stetig bergauf und -ab. Dazwischen immer wieder Knie- und Rumpfbeugen. Am Ende des Tages sind die Wanderer nicht nur in Kräuterkunde, sondern auch in punkto Fitness topfit.
ANGELA GOLZ
