Nach Abriss des alten Internats: Neues Zuhause für die Fledermäuse
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11. November 2011
Selliner Nachtflieger zogen aus dem alten DDR-Plattenbau am Kleinbahnhof in neue Quartiere um.
Sellin(OZ) - Fledermäuse lieben nicht nur schmackhafte Insekten, sondern auch alte Plattenbauten. Das ehemalige Internat der Selliner Förderschule gegenüber dem Kleinbahnhof zum Beispiel, das Familie Mückenfledermaus durch die vielen Spalten in Fassade und Flachdach als besonders komfortablen Wohnraum ansah und seit einigen Jahren als Domizil im Ostseebad nutzte. Das marode Gebäude wurde jedoch im September abgerissen, um Platz für den Neubau einer Zweigstelle der Kurverwaltung zu schaffen.
Alle in Deutschland vorkommenden Fledermausarten stehen unter strengem nationalen und europäischen Artenschutz, der auch die Quartiere einschließt. Fledermäuse, die ihre langjährigen Quartiere durch Sanierungs- und Abrissarbeiten verlieren, sollen in Ausweichquartiere gelockt werden. So geschah es auch in Sellin, was den Abriss, der ursprünglich mitten im Sommer geplant war, verzögerte.
„Das Amt für das Biosphärenreservat wusste um dieses Quartier. Wir sahen im Juli nach und beobachteten Tiere beim Einflug. Gerade im Juni und Juli dienen solche Quartiere als Wochenstuben, d.h. dass dort Jungtiere aufgezogen werden“, sagt Biologe Florian Hoffmann, der die ökologische Baubetreuung für das Vorhaben Tourist-Info übernahm und dessen Aufgabe die Konfliktlösung zwischen Projektrealisierung und Naturschutz ist. „Fledermäuse dürfen während der Aufzucht nicht gestört werden. Falls dies doch passiert, lassen die Mütter ihre flugunfähigen Jungtiere allein und sie sterben“, erklärt der Biologe. Er habe bei seinen Ultraschallkontrollen hohe Aktivitäten festgestellt. Die Analyse der Rufe wies auch darauf hin, dass hier junge Fledermäuse aufgezogen werden. „Das Quartier wurde regelmäßig angeflogen und ich konnte drei verschiedene Arten ausmachen — vornehmlich die Mückenfledermaus“, sagt Florian Hoffmann. Um die Wochenstube nicht zu stören, wurde das Dach im Juli nicht berührt. In der Woche vor dem Abriss wurde das Gebäude entkernt, in der Hoffnung, dass die Tiere ausfliegen und ihr Quartier von allein wechseln.
Angeboten bekamen sie gleich vier neue Kästen. Zwei Kästen aus Beton am Feuerwehrhaus sowie zwei Quartiere in den Bäumen direkt zwischen Areal und Bundesstraße. „Wir hatten die Auflage, die vier Ausweichquartiere vor dem Abriss anzubringen, damit die Fledermäuse die Möglichkeit haben, diese direkt aufzusuchen. In der Nacht vor dem Abriss kontrollierte ich noch einmal den Einflug — es wurden diesmal nur wenige Tiere erfasst und so konnte es losgehen. Als die Dachkanten entfernt wurden, fanden sich zwei Tiere“, fügt Hoffmann hinzu. In den beiden Baum-Quartieren können sich jetzt über 20 Tiere niederlassen. Als weitere Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme für die mit dem Abriss verbundene Beseitigung der vorhandenen Fledermausquartiere wurden Wiederansiedlungsvorrichtungen beim Neubau der Tourist-Info vorgesehen. Vier Nistkästen sollen bei Fertigstellung des Gebäudes hier angebracht sein.
Und auch wenn der Neubau fertig und der Abschlussbericht für die Baubetreuung geschrieben ist, wird der Biologe aus Lancken-Granitz einmal jährlich nach den Selliner Fledermäusen gucken. Denn das Landesumweltamt möchte wissen, ob die Quartiere von den Tieren angenommen werden. Im Biosphärenreservat Südost-Rügen kommen vergleichsweise viele Fledermäuse vor — wegen der leckeren Insekten in den Wiesen, im Schilf und den Wäldern.
STEFFI BESCH
