Biosphäre im Wachstumsstress
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7. Mai 2009
Hat die Amtsverwaltung des Biosphärenreservates Südost-Rügen aufs falsche Pferd gesetzt? Freiwillig werden die Pläne zur Erweiterung des Reservates längst nicht von allen Kommunen beklatscht. Die OZ sprach mit Amtsleiterin Sabine Schlender.
OSTSEE-ZEITUNG: Noch im Herbst ‘89 mit dem Nationalparkprogramm aus der Taufe gehoben, kann das Biosphärenreservat als Kind der letzten DDR-Übergangsregierung bezeichnet werden. Das ist zu klein geraten und soll wachsen, sagt jetzt die Unesco. Erweiterungspläne haben Sie Insel-Kommunen vorgestellt. Ein erstes Resümé: Ist Rügen ein guter Nährboden zum Wachsen?
Schlender: Ich denke schon. Ein Kind wird auch nicht über Nacht groß. Der Prozess des Wachsens braucht Zeit, auch Zeit des Begreifens. Wir wollen, dass Biosphäre nicht als Gängelband, sondern als Chance verstanden wird. Biosphäre ist eine Klammer für einen Raum, in dem der Mensch im Einklang mit gewachsener Kulturlandschaft wirtschaftet. Ich könnte auch viel zitierte Begriffe wie Modellregion und nachhaltiges Wirtschaften bemühen. Das ist keineswegs und ausschließlich ein von Amtsweg definiertes Verständnis. Ich erinnere an das Leitbild des Tourismusverbandes. Auch der hat als ein wichtiges Ziel festgeschrieben, dass sich die Branche auf Rügen im Einklang mit Natur und Umwelt entwickeln soll.
OZ: Sehen das die Kommunen auch so?
Schlender: Die Sichtweise ist nicht immer dieselbe. Wir haben beispielsweise seit Oktober des vergangenen Jahres in Garz, Putbus, Binz und Sassnitz über die Erweiterungspläne informiert. Die Resonanz war sehr unterschiedlich, in Binz und Sassnitz die Beteiligung besonders groß. Allerdings: In Sassnitz gab es auch die ersten negativen Töne.
OZ: Gehört Sassnitz denn mit zu den prädestinierten Suchräumen für die Reservatserweiterung?
Schlender: Auf jeden Fall. Eine Ausdehnung auf Teile der Halbinsel Jasmund wäre gut möglich, zumal mit dem Nationalpark dort bereits ein Großschutzgebiet vorhanden ist. Unterhalb von Jasmund finden wir rund um den Kleinen Jasmunder Bodden das schon 1966 ausgewiesene Landschaftsschutzgebiet Ostrügensche Boddenlandschaft. Da wurden in den vergangenen Jahren Millionen Euro in die Pflege investiert. Beste Voraussetzungen für eine Aufnahme dieses Landstrichs in das Biosphärenreservat. Das könnte natürlich auch in südlicher Richtung wachsen.
OZ: Gibt es denn Kommunen, die diese Wachstumspläne schon klar unterstützen?
Schlender: Die Stadt Putbus ist leuchtendes Beispiel. Gehören bisher etwa zwei Drittel des Gemeindeterritoriums zum Biosphärenreservat, so hat sich die Stadtvertretung schon eindeutig positioniert. Putbus soll komplett dazu gehören. Ein positives Echo kommt auch aus Buschvitz.
OZ: Und wo gab es den meisten Gegenwind?
Schlender: Garz und Ralswiek lehnen die Erweiterungspläne ab. Die Binzer wollen sich erst noch positionieren.
OZ: Stichwort Kommunalwahl. Stadt- und Gemeindeparlament werden am 7. Juni neu besetzt, auch die Stühle ehrenamtlicher Bürgermeister. Stellen Sie sich schon auf eine neue Verhandlungsrunde ein?
Schlender: Ich habe ja schon gesagt: Wir stehen erst am Anfang. Natürlich wird es neue Gesprächsrunden geben. Zudem sind wir zurzeit dabei, Gespräche über die Gründung eines Beirats zu führen. Vertreter aus Kommunen, Tourismus und aus anderen Wirtschaftszweigen wie Landwirte, Angler, Waldbesitzer sollen in diesem Gremium Sitz und Stimme haben. Ziel ist es, gemeinsam ein Rahmenkonzept für ein erweitertes Biosphärenreservat auf die Beine zu stellen. Jeder bringt seine Interessen mit ein, jeder nimmt teil am Abwägungsprozess und arbeitet mit an der Zonierung. Dafür haben wir noch viel Zeit. Im Jahr 2013 wird wieder evaluiert. Bis dahin werden wir die Ergebnisse unserer gemeinsamen Arbeit dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz MV für die neue Gebietskulisse eines erweiterten Biosphärenreservates übergeben. Daraus folgt ein Gesetzgebungsverfahren.
OZ: Das Ganze würde also auch ,von oben‘ durchgesetzt werden können. Warum machen Sie sich dann die Arbeit des Klinkenputzens?
Schlender: Wir haben bewusst den Weg der Freiwilligkeit gewählt. Ich komme auf das Begreifen zurück. Alltagstauglich sind Dinge doch erst, wenn sie begriffen wurden.
Interview: UDO BURWITZ
